Irgendwo in einer Agentur sitzt gerade ein Booker mit seinem Mittagessen am Schreibtisch und klickt sich durch einen Ordner mit neuen Bewerbungen. Langsamer wird er bei denen, auf denen man die Person wirklich sehen kann. Licht, Styling oder der Freund mit der guten Kamera sind ihm egal. Ihn interessiert der Mensch.
Genau dafür gibt es Digitals. Digitals, auch Snaps oder Polas genannt, sind schlichte, unretuschierte Fotos, die dich so zeigen, wie du heute aussiehst: wenig oder gar kein Make-up, enge, einfarbige Kleidung, Tageslicht, ein ruhiger Hintergrund und keine Filter. Sie zeigen einer Agentur dein Gesicht, deine Proportionen, deine Haut und deine Haare, ohne dass etwas davon ablenkt, und die meisten Agenturen wollen sie als Erstes sehen, wenn du dich bewirbst. Ein gutes Set schaffst du zu Hause mit dem Handy und einer geduldigen Freundin in etwa zwanzig Minuten. Starke Snaps bringen dich weiter als ein teures Shooting.
Warum heißen sie Snaps, Polas und Digitals?
Bevor jeder eine Kamera in der Hosentasche hatte, fotografierten Agenturen neue Gesichter mit Polaroids. Der schnelle Sofortabzug landete in der Modelmappe oder an der Pinnwand, und die Booker nannten ihn Pola. In manchen Agenturen sagt man das aus reiner Gewohnheit bis heute. Snaps ist die lockere Variante, Digitals der moderne Begriff, weil die Bilder inzwischen digital entstehen.
Gemeint ist mit allen dreien dasselbe. Sobald du unter Vertrag bist, macht deine Agentur regelmäßig neue, und Kunden schauen sie sich oft zusammen mit deinem Book an, bevor sie dich für einen Job auf Option setzen.
Warum vertrauen Agenturen Snaps mehr als einem Profi-Shooting?
Ein professionelles Shooting ist Teamarbeit. Jemand hat das Licht gesetzt, jemand hat dich geschminkt, jemand hat den vorteilhaftesten Winkel gewählt, und vielleicht hat jemand das Ergebnis retuschiert. Das kann wunderschön sein und zeigt einem Booker, was ein Team an einem bestimmten Tag aus dir gemacht hat.
Snaps beantworten eine andere Frage. Ist die Haut heute rein? Wie fallen die Haare ohne Styling? Wie wirkt die Kinnlinie im Profil? Passen die Proportionen auf dem Bild zu den Maßen, die du im Formular angegeben hast? Ein Kunde bucht den Menschen, der zur Tür hereinkommt, also muss die Agentur genau wissen, wer das ist.
Ein starkes Portfolio zeigt, was ein Team aus dir machen kann; gute Snaps zeigen, womit das Team arbeiten wird.
Deshalb brauchst du auch keine Erfahrung, um dich zu bewerben. Booker sehen jeden Tag Digitals von Leuten, die noch nie vor einer Profikamera standen. Die Fotos sollen schlicht sein. Niemand bewertet deine Technik.
Was ziehst du für Digitals an?
Zieh dich an, als hättest du gleich eine Anprobe. Es geht darum, deine Figur zu zeigen, die Kleidung soll keine Rolle spielen.
- Oberteil: ein enges, schlichtes Tanktop oder T-Shirt in Schwarz, Weiß oder Grau. Keine Logos, keine Prints, nichts Oversized.
- Unten: enge schwarze oder dunkle Jeans oder schlichte Leggings. Skinny oder gerade geschnitten, damit die Linie deiner Beine sichtbar ist.
- Füße: barfuß oder schlichte flache Schuhe. Manche Agenturen wollen von Bewerberinnen fürs Women's Board ein Set mit einfachen High Heels. Steht das in den Vorgaben, mach es. Wenn nicht, ist barfuß völlig in Ordnung.
- Haare: für die meisten Bilder aus dem Gesicht, zurückgebunden oder hinter die Ohren gestrichen, dann ein paar Aufnahmen offen und natürlich. Verzichte auf frisches Föhnstyling und viel Haarprodukt.
- Make-up: keins oder fast keins. Etwas Feuchtigkeitscreme, Lippenpflege und gebürstete Augenbrauen. Wenn du Bart trägst, fotografiere ihn genau so, wie er beim Termin aussehen wird.
- Sonstiges: kein Schmuck, keine Mützen, keine Sonnenbrillen. Unlackierte Nägel oder ein neutraler Lack.
Manche Agenturen wollen außerdem ein Bild in einem schlichten Badeanzug oder enger Unterwäsche, um deine Proportionen klar zu sehen. Mach das nur, wenn eine Agentur ausdrücklich danach fragt, du dich damit wohlfühlst und du geprüft hast, dass die Agentur seriös ist. Bist du unter 18, sollten Eltern oder Erziehungsberechtigte bei jedem Schritt dabei sein, und enge Alltagskleidung ist der Standard.
Wo und wann fotografierst du sie?
Such dir eine schlichte Wand. Weiß, Creme oder Hellgrau, ohne Bilder, Türrahmen oder Pflanzen, die sich an den Bildrand schleichen. Stell dich ein, zwei Schritte davor, damit du keinen harten Schatten an die Wand hinter dir wirfst.
Dann such das Licht. Stell dich tagsüber mit dem Gesicht zu einem großen Fenster, sodass das Licht direkt auf dich fällt. Am Vormittag oder Nachmittag ist es meist am weichsten, und ein bewölkter Tag ist ein Geschenk. Meide grelle Mittagssonne, Deckenlampen, die Schatten unter die Augen zeichnen, und das Fenster im Rücken, das dich zur Silhouette macht. Draußen stellst du dich besser in den Schatten neben ein Gebäude als in die pralle Sonne.
Als Kamera reicht jedes aktuelle Handy. Nimm die Hauptkamera, nicht die Frontkamera. Schalte Beauty-Modus, Porträtmodus und alle Filter aus und bleib beim normalen 1x-Objektiv, denn das 0,5x-Weitwinkel verzerrt alles am Bildrand.
Ein paar Kleinigkeiten machen viel aus:
- Headshots: Deine Freundin hält das Handy auf Augenhöhe, geht ein Stück zurück und zoomt leicht heran, statt dir das Handy direkt vors Gesicht zu halten, denn dann wirkt die Nase größer, als sie ist.
- Ganzkörper: Das Handy ist etwa auf Hüfthöhe und hochkant, dein ganzer Körper im Bild, mit etwas Platz über dem Kopf und unter den Füßen.
- Niemand da, der hilft? Nimm ein günstiges Stativ und den Selbstauslöser. Spiegelselfies lässt du komplett weg.
Welche Aufnahmen wollen Agenturen wirklich?
Lies immer zuerst die Bewerbungsvorgaben der jeweiligen Agentur, denn manche haben eine eigene Liste. Wenn nicht, deckt dieses Standardset alles ab:
- 1Headshot, frontal, neutral. Gesicht gerade zur Kamera, Mund entspannt, Blick ins Objektiv, Schultern im Bild.
- 2Headshot, lächelnd. Ein echtes Lächeln, mit Zähnen, wenn du so natürlich lächelst.
- 3Profil, links und rechts. Dreh den ganzen Kopf um 90 Grad und halte das Kinn gerade.
- 4Ab der Taille. Zeigt Schultern, Arme und Oberkörper.
- 5Ganzkörper, frontal. Von Kopf bis Fuß, Arme locker an den Seiten, Füße etwa hüftbreit auseinander.
- 6Ganzkörper, seitlich. Zeigt deine Haltung und die Linie von den Schultern bis zu den Fersen.
- 7Ganzkörper, von hinten. Nicht jede Agentur will das, aber viele.
Mach viele Aufnahmen und schick dann die besten vier bis acht. Ein Booker, der eine Mail mit vierzig fast identischen Fotos öffnet, wird sich nicht freuen.
Sobald du ein sauberes Set hast, mit dem du zufrieden bist, kannst du noch am selben Tag deine Bewerbung starten. Snaps sollen aktuell sein, es gibt also keinen Grund, auf eine bessere Version von dir zu warten.
Wie posierst du für Digitals?
Kaum. Steh einfach, statt zu posen. Verteil dein Gewicht gleichmäßig auf beide Füße, lass die Arme hängen, nimm die Schultern runter und halte das Kinn parallel zum Boden. Ein leichtes Strecken über den Scheitel ist in Ordnung. Hände in die Hüften, schräg gelegter Kopf, Schmollmund und der vor dem Spiegel geübte Schlafzimmerblick gehören woandershin.
Am schwierigsten ist das Gesicht. Neutral heißt nicht leer. Ein leerer Blick wirkt nervös oder gelangweilt. Denk an etwas leicht Lustiges oder atme kurz vor dem Auslösen sanft durch die Nase aus. Dein Gesicht entspannt sich, und die Augen bleiben lebendig. Mach viele Bilder, denn zwischen einer steifen und einer guten Aufnahme liegt oft nur ein Sekundenbruchteil.
Woran scheitern Snaps?
Die meisten schwachen Bewerbungen scheitern an denselben paar Dingen:
- Filter oder Beauty-Modus, auch dezente. Weichgezeichnete Haut fällt jedem auf, der den ganzen Tag Gesichter anschaut.
- Alte Fotos. Wenn du seitdem die Haare geschnitten oder dir einen Bart wachsen lassen hast, sind die Bilder schon überholt.
- Weite Kleidung, die deine Figur versteckt.
- Unruhige Hintergründe: ein ungemachtes Bett, der Badezimmerspiegel, eine vollgestellte Küche.
- Abgeschnittene Füße bei Ganzkörperaufnahmen.
- Starkes Make-up, Contouring oder künstliche Wimpern.
- Hände am Gesicht, Sonnenbrillen oder Mützen.
- Nur ein Winkel, meist der vorteilhafteste.
- Gruppenfotos, aus denen Freunde herausgeschnitten wurden.
Wenn ein Booker dich trifft und dich von deinen Snaps nicht wiedererkennt, rettet das auch das beste Licht nicht.
Sehen Digitals je nach Typ anders aus?
Die Regeln gelten für alle, und genau darum geht es. Ein paar Hinweise:
- Curvy- und Plus-Size-Models: Enge Kleidung ist hier noch wichtiger. Versteck dich nicht in einem weiten Shirt. Agenturen müssen deine Proportionen klar sehen.
- Best-Ager-Models: Du musst keine Falten weichzeichnen oder schmeichelndes Licht suchen. Kunden aus Commercial und Lifestyle buchen echte Gesichter.
- Tattoos, Narben, Sommersprossen, graue Haare: Zeig sie. Agenturen müssen wissen, was sie buchen, und viele Kunden suchen genau das.
- Kleinere Models: Keine Froschperspektive, um größer zu wirken. Fotografiere frontal und gib ehrliche Maße an.
- Kinder und Teenager: Eltern oder Erziehungsberechtigte machen und verschicken die Fotos. Schlichte Kleidung und überhaupt kein Make-up.
Was passiert, nachdem du sie geschickt hast?
Ist eine Agentur interessiert, bittet sie meist um weitere Snaps, ein kurzes Video, deine Maße (wie du sie richtig nimmst, erklärt unser Ratgeber zu Modelmaßen) oder lädt dich zu einem Kennenlernen ein. Nimmt sie dich unter Vertrag, macht sie eigene Digitals und nutzt sie zusammen mit Testshootings, um dein Portfolio aufzubauen und deine Sedcard zu erstellen.
Eine feste Regel: Seriöse Agenturen verlangen kein Geld dafür, dich unter Vertrag zu nehmen, und sie zwingen dich nicht, ein Fotopaket zu kaufen, bevor sie sich dich ansehen. Besteht jemand darauf, dass du für professionelle Digitals bezahlst, bevor er dich überhaupt in Betracht zieht, lass es. So erkennst du unseriöse Agenturen.
Du kannst dich einzeln über die Websites der Agenturen bewerben oder über Get Scouted dein Profil an Agenturen schicken, das es mit Agenturen weltweit teilt. Jede Agentur entscheidet selbst, und niemand kann dir einen Vertrag garantieren.
Wie oft brauchst du neue?
Mach neue, sobald sich etwas verändert: ein neuer Haarschnitt, eine neue Haarfarbe, ein Bart, der gewachsen oder ab ist, eine herausgenommene Zahnspange, ein neues Tattoo, eine sichtbare körperliche Veränderung. Ansonsten frischst du sie alle paar Monate auf. Models mit Vertrag bekommen regelmäßig neue Digitals, oft vor jeder Saison, weil Kunden den Unterschied merken.
Leg dir auf dem Handy einen Ordner mit Datum an. Wenn eine Agentur das nächste Mal nach aktuellen Snaps fragt, kannst du sie sofort schicken.
Häufige Fragen
Kann ich Digitals mit dem Handy machen?+
Ja. Die Hauptkamera jedes aktuellen Handys reicht völlig, solange du Beauty-Modus, Porträtmodus und Filter ausschaltest und bei weichem Tageslicht vor einer schlichten Wand fotografierst.
Sollte ich auf meinen Digitals Make-up tragen?+
Keins oder so wenig, wie du dich traust. Feuchtigkeitscreme, Lippenpflege und gebürstete Augenbrauen sind in Ordnung, aber Foundation, Contouring und künstliche Wimpern verdecken genau das, was die Agentur sehen will.
Wie viele Digitals sollte ich an eine Agentur schicken?+
Meist vier bis acht: frontaler Headshot, lächelnder Headshot, Profile sowie Ganzkörperaufnahmen von vorn und von der Seite. Hat die Agentur eine eigene Liste in ihren Bewerbungsvorgaben, halte dich immer daran.
Brauche ich professionelle Fotos, um unter Vertrag genommen zu werden?+
Nein. Die meisten Agenturen bevorzugen bei neuen Bewerbern schlichte, unbearbeitete Snaps und organisieren Testshootings selbst, wenn sie dich unter Vertrag nehmen. Sei vorsichtig bei allen, die sagen, du müsstest zuerst für Fotos bezahlen.
Sollte ich auf meinen Digitals lächeln?+
Am besten beides. Schick einen neutralen Headshot und einen mit natürlichem Lächeln, denn Fashion-Kunden wollen oft das eine und Commercial-Kunden das andere.
Ist es sicher, Digitals in Bademode zu verschicken?+
Schick sie nur, wenn eine geprüfte, seriöse Agentur ausdrücklich danach fragt und du dich damit wohlfühlst. Bist du unter 18, sollten Eltern oder Erziehungsberechtigte die gesamte Kommunikation übernehmen, und enge Alltagskleidung ist üblich.